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Interview: Hochsensibilität verstehen

Foto:pixabay.com

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Interview mit Frau Susanne Steed-Pfäffle: Hochsensibilität verstehen

Dieses Interview wurde von Herrn Herrn Joachim Hilbert für das OnlineMagazin für Psychologie, Philosophie & Persönlichkeit: www.leben-ohne-limit.com mit Frau Susanne Steed-Pfäffle durchgeführt. Die Fragen stellte Herr Joachim Hilbert.

Hochsensible Menschen verfügen in der Regel über ein reiches Innenleben. Sie nehmen viele Nuancen war und hören auch die leisen Töne. Diesen inneren Reichtum anzunehmen und freudvoll in die Welt zu tragen, erfordert vor allem Selbstakzeptanz sowie die Erkenntnis um die eigenen Fähigkeiten.

Susanne Steed-Pfäffle: “Ich begeistere mich schon immer für leicht anzuwendende und schnell wirkende Methoden der Veränderungsarbeit. Deshalb vertiefte ich mein Wissen und meine Erfahrungswelt nach meinem sehr westlich-wissenschaftlich orientierten Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie durch verschiedene Trainer- und Coaching Ausbildungen sowie buddhistische Weisheitslehren. Heute blicke ich auf 20 Jahre Meditations- und Achtsamkeitspraxis zurück, die Geist und Körper gleichermaßen schult. Diese wertvollen Erfahrungen und das Wissen daraus fließen in meine Arbeit mit hochsensiblen Menschen ein. Ein äußerst komplexes Wissensgebiet, dass ich in Vorträgen, Seminaren, Workshops und Einzelcoachings mit meinen Klienten teile.

In meiner Arbeit mit hochsensiblen Menschen kommt so ein Zusammenspiel aus ganzheitlicher, ressourcenorientierter Sichtweise und wissenschaftlich fundierten Methoden zum Einsatz. Das Ergebnis wirkt systemisch ausgleichend auf Körper und Geist. Ich bin in Berlin, Heidelberg und Kirchheim/Teck bei Stuttgart tätig.”

Werden wir den Erwartungen anderer nicht gerecht, geraten wir leicht in einen inneren Zwiespalt: Erfülle ich die Ansprüche oder folge ich meiner inneren Stimme. Trifft dieser innere Konflikt auf Hochsensible besonders zu?

Ja, Herr Hilbert, dieser Konflikt trifft auf hochsensible Menschen in besonderem Maße zu – auch wenn natürlich normal sensible Menschen ebenfalls von inneren Konflikten betroffen sind.

Aber durch eine spezielle Prägungserfahrung, der die allermeisten Hochsensiblen in ihrer Kindheit ausgesetzt sind, kann sich kein gutes Selbstwertgefühl ausbilden. Das führt dazu, dass die Betroffenen anfangen, sich mehr an anderen Menschen auszurichten – und somit auch zu vergleichen – als das gesund ist. Hier beginnt eine „Außenorientierung“, die vielen hochsensiblen Menschen das Leben über die Maßen schwer macht und letztendlich dazu führen kann, dass sich die hochsensible Person mehr und mehr von ihren eigenen Bedürfnissen und Wünschen entfernt.

Dadurch können die Menschen den Kontakt zu ihren persönlichen Grundbedürfnissen völlig verlieren. Es gibt verschiedene Grundbedürfnisse, die alle Menschen kulturübergreifend haben. Eines davon ist die sogenannte Selbstwerterhöhung. Wird diese nicht selbst erfüllt, sondern auf Umwegen über andere, kann das zu vielschichtigen psychischen wie gesundheitlichen Problemen führen!

Die Bedürfnisse von anderen zu spüren oder zu „erahnen“, fällt hochsensiblen Menschen – weil sie auf diese Weise sozialisiert wurden – vergleichsweise leicht. Daher sind sie viel näher an anderen Menschen „dran“ als an sich selbst. Und damit beginnt ein Abhängigkeitsverhältnis: Der Hochsensible braucht das Feedback der anderen, um seinen Selbstwert zu erfüllen bzw. zu erhöhen.

Er spürt sich selbst nicht mehr und ist abgekoppelt von den eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Diese kann er sich gar nicht mehr selbst erfüllen und reagiert damit viel stärker auf Erwartungen aus seinem Umfeld, als das gesund ist. Es entsteht eine große Unzufriedenheit.

Selbst wenn ein Hochsensibler abgekoppelt von den eigenen Gefühlen ist, funktioniert seine unbewusste Intuition doch sehr gut. Sie schaltet sich bei jeder Entscheidung dazu. Und damit befindet er sich ganz schnell in einem sogenannten „double-bind“: Sein inneres System möchte die Erwartungen von außen erfüllen, weil das Grundbedürfnis Selbstwerterhöhung nach Erfüllung schreit. Die Intuition sagt: „Du musst Dir Deine eigenen Bedürfnisse erfüllen!“

Die eigenen inneren Bedürfnissen sind aber nicht mehr spürbar und so erfüllt der Hochsensible meistens eher die Erwartungen der anderen, auch wenn seine Intuition Einspruch erhebt. In unserer westlichen Gesellschaft wird gelehrt, eher auf den Kopf als auf den Bauch zu hören. Und das ist etwas, das deutlich spürbar ist. Man weiß tief im Unterbewusstsein, dass dies nicht die richtige Entscheidung ist. Aber es ist auch schwer dagegen anzukämpfen, weil dieses System „körpergestützt“ funktioniert. Der Körper sorgt automatisch für die Erfüllung der vier Grundbedürfnisse, wenn der Mensch sie sich nicht bewusst erfüllt.

Hier handelt es sich um ein System, dass immer schon in der frühesten Kindheit gelernt wird. Deshalb ist es auch nicht möglich, es durch ein Wundermittel oder auf einen Schlag aufzulösen. Es braucht Zeit und die Auseinandersetzung mit der eigenen Bindungserfahrung, den Grundbedürfnissen und der eigenen Hochsensibilität. Aber es ist durchaus möglich! Ich habe schon viele Menschen bei dieser Transformation begleitet.

Wenn jemand es schafft, diese sehr wichtigen und grundlegenden Mechanismen zu verändern, bedeutet das in der Regel eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität durch einen Gewinn an Selbstkontrolle, Freiheit und Unabhängigkeit von anderen Menschen.

Inwieweit unterscheidet sich die Wahrnehmung von Hochsensiblen im Gegensatz zu anderen Menschen?

Die feinere Wahrnehmungsgabe von hochsensiblen Menschen beruht auf einem neuro-physiologischen Unterschied in der Reizfilterung und Reizverarbeitung. Es gibt Unterschiede im neuronalen Netzwerk des Gehirns und der Nerven. Ganz offensichtlich nehmen hochsensible Menschen nicht nur mehr Reize auf sondern verarbeiten sie auch auf andere Art und Weise: nämlich tiefer und intensiver.

Von den ca. elf Millionen Sinneseindrücken, die jede Sekunde auf unser Nervensystem einprasseln, filtert das Gehirn bei normal sensiblen Menschen alle unwichtigen Reize aus. Nur etwa 40 Reize pro Sekunde werden verarbeitet und machen das, was wir als Wirklichkeit verstehen, aus. Bei einer hochsensiblen Person funktioniert der Filter nicht ganz so gut: deutlich weniger Reize werden ausgefiltert und ein Vielfaches von 40 muss jede Sekunde vom Nervensystem verarbeitet werden.

Wo genau der Unterschied besteht, ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Ob der Thalamus, der Sinneseindrücke an die zuständigen Hirnareale weiterleitet weniger gut funktioniert, ob es die Großhirnrinde ist – der Sitz unserer bewussten Selbstwahrnehmung – oder auch die Amygdala, die aus unseren Wahrnehmungen und Gedanken die primären Gefühle ableitet. Es ist noch nicht letztendlich geklärt.

Für die Arbeit mit hochsensiblen Menschen ist es weniger wichtig zu wissen, warum sie mehr Reize verarbeiten müssen. Viel wichtiger ist es, wie sie lernen können, damit anders umzugehen. Denn die Tatsache, dass wir mehr Eindrücke aufnehmen und sie anders verarbeiten als normal sensible Menschen können wir nicht verändern. Ich arbeite deshalb viel mit Mentaltechniken und dem Verändern der Sichtweise auf die Reizwahrnehmung.

Woran erkennen Sie, ob jemand hochsensibel ist?

Das ist eine super Frage! Und gar nicht so leicht zu beantworten…

Also zum einen kann ich sagen, dass hier das sogenannte Resonanzprinzip gut funktioniert. Zu mir finden eigentlich nur Menschen, die sich in der Beschreibung von Hochsensibilität wiederfinden und dann gezielt jemanden suchen, der damit arbeitet – oder aber sie kommen zu mir, um dann zu entdecken, dass sie hochsensibel sind.

Um den Zungen vorzubeugen, die nun vielleicht sagen: Ach ja, wieder so eine, die einfach jeden als hochsensiblen Menschen klassifiziert, meine persönliche Geschichte: Dem Begriff „Hochsensibilität“ begegnete ich durch eine Klientin, die mir ihre Tochter beschrieb. Diese Beschreibung passte zu fast 100% auch auf meinen ältesten Sohn. Die Klientin erzählte, dass ihre Tochter die Diagnose „Asperger Syndrom“ bekommen habe. Ich fing an zu recherchieren, weil ich das Gefühl hatte, dass dies sehr nah an der Lösung war, aber ich wusste zugleich intuitiv, dass es noch nicht die Lösung selbst war.

Nach kurzer Zeit stieß ich dann auf den Begriff „Hochsensibilität“ und wusste sofort, dass ich am Ziel angekommen war. Mir fiel im selben Moment ein, dass ich irgendwo in meiner Bibliothek auch ein Buch zu diesem Thema haben musste. Ich suchte und fand es, verschlang es und mir wurde klar, dass meine Klienten auch bevor ich dem Begriff begegnet war zu 98% Hochsensible waren, die gespürt hatten, dass ich es auch bin und ihnen dadurch Lösungen bereit stellen konnte.

Ich musste meine Arbeit nur leicht umstellen, denn die Programme, um einen Hochsensiblen optimal zu unterstützen, hatte ich schon vorher entwickelt, weil es ja mit meiner eigenen Geschichte verbunden war.

Wie gesagt: Hervorragende Intuition ist eine große Stärke von hochsensiblen Menschen. Und durch ein bestimmtes Wahrnehmungstraining, dass ich schon seit 20 Jahren trainiere, kann ich wirklich sagen, dass ich die meisten hochsensiblen Menschen „an der Nasenspitze“ erkenne. Es ist einfach, weil man eine starke Erfahrung miteinander teilt. Und es betrifft unheimlich viele Menschen: ca. 15 – 20% der Bevölkerung, also jeden vierten bis fünften Menschen!

Wie schaffen Sie es, hochsensible Menschen in Bezug auf ihre Fähigkeiten zu unterstützen?

Indem ich zu aller erst mit einem sehr wertschätzenden und wohlwollenden Menschenbild arbeite. Das bildet die Grundlage meiner Arbeit und ist fest mit meiner Person verbunden. Ich hole die Menschen genau dort ab, wo sie stehen und arbeite mich dann gemeinsam mit ihnen an einer von mir erarbeiteten Struktur voran.

Ich arbeite in über 95% der Fälle die Bindungserfahrung der Klienten auf, damit sie fähig werden, sich so zu akzeptieren, wie sie sind. Dann folgen verschiedene weitere wichtige Schritte, unter anderem arbeiten wir an der Selbstakzeptanz und dem Selbstwertgefühl, den Grundbedürfnissen, Abgrenzung und anderen Themen.

Das Wichtigste bei meiner Arbeit ist es, die Klienten darin zu unterstützen zu verstehen, dass jedes Phänomen immer verschiedene Qualitäten beinhaltet und es vor allem darauf ankommt, auf was wir uns ausrichten! Meine Aufgabe ist es den Klienten dabei zu helfen, ihre Sichtweise auf die Dinge zu drehen: von einer oft „defizitären“ Sichtweise hin zu einer „qualitativ hochwertigen“ Sicht auf die Dinge.

Da fast alle hochsensiblen Menschen gesundheitlich angeschlagen sind, habe ich ein eigenes Gesundheitsprogramm entwickelt, dass sich mit dem Auflösen von körperlichen Symptomen beschäftigt. Denn viele meiner Klienten haben zwar eine medizinische Diagnose, die sich aber oft für sie als sogenannte „Scheindiagnose“ entpuppt. Dabei handelt es sich um Probleme, die sich auf schulmedizinische Art nicht wirklich beheben lassen. Arbeiten sie mit dem Programm, lösen sich die Symptome oft auf. Natürlich ist es wichtig, dass vorher medizinisch abgeklärt ist, ob es sich tatsächlich um ein strukturelles Problem handelt.

Ich hatte z.B. 13 Jahre lang Symptome, die dem rheumatischen Formenkreis zugeschrieben wurden. Wandernde entzündliche Prozesse im ganzen Körper. Da die Medizin mir keine Lösung bieten konnte, habe ich selbst so lange herumprobiert, bis sich dieses „Rheuma“ vollständig aufgelöst hat. Heute bin ich beschwerdefrei und helfe anderen dabei, sich ebenso selbst von ihren Symptomen zu befreien. Der Schlüssel dabei ist, sich den tatsächlichen Ursachen zuzuwenden und nicht einfach nur das Symptom zu betrachten.

Nehmen Sie Hochsensibilität eher als eine Befähigung oder mehr als eine Last für die Betroffenen wahr?

Für die Betroffenen, die zu mir kommen, ist es anfangs fast immer eine große bis sehr große Last! Dabei stelle ich immer wieder fest, dass allein die Information über das Thema bei vielen Betroffenen schon große Erleichterung hervorruft. Aus diesem Grund halte ich sehr viele Vorträge zu diesem Thema.

Die hochsensiblen Menschen kommen oft mehrfach zu meinem Vortrag und berichten, dass sie jedes Mal wieder eine Menge „neuer“ Informationen mitnehmen, obwohl mein Basisvortrag immer ähnlich ist. Das Thema ist so komplex, dass fast niemand alle Infos aus einem 2,5 – 3-stündigen Vortrag sofort aufnehmen und verarbeiten kann.

Für hochsensible Menschen scheint es auch von Bedeutung zu sein, ob sie nur über das Thema lesen, oder jemanden treffen, der ihnen ein lebendiges Beispiel von Hochsensibilität gibt. Ich höre immer wieder nach meinem Vortrag Kommentare wie: „Ich habe schon alles über das Thema gelesen, aber heute habe ich erst verstanden, um was es da eigentlich geht.“

Es hat bei mir eine Weile gedauert, bis ich verstehen konnte, was diese Personen mir da aufzeigten: Nämlich, dass die allermeisten hochsensiblen Personen „Erfahrungslerner“ sind. Sie brauchen nicht nur die Worte oder die Schrift, um etwas wirklich begreifen oder verstehen zu können, sondern eben einen Menschen, der ihnen die Erfahrung davon bieten kann. Dass das, was sie als Defizit in ihrem Leben erfahren, auch als Gabe gesehen und erlebt werden kann!

Ich persönlich sehe Hochsensibilität nur als Befähigung. Und das ist es, was ich auch versuche, meinen Klienten zu vermitteln. Denn nur, wenn wir uns so annehmen, wie wir wirklich sind, mit allen Stärken und Schwächen, mit Hochsensibilität oder ohne diese, können wir wirklich glücklich werden! Deshalb ist das Thema Selbstakzeptanz für mich ein so wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.

Woraus beziehen Sie Ihre Motivation, als Coach zu arbeiten?

Durch meine intensive Auseinandersetzung mit buddhistischen Weisheitslehren und Meditation lernte ich die besondere Qualität der positiven Sichtweise kennen. Diese fließt seither in alle meine Arbeiten ein: ob ich an der Universität lehre oder Trainings für Führungskräfte mache und auch wenn ich mit Einzelpersonen individuell arbeite.

Diese wertschätzende Art der Arbeit zieht viele Menschen an und ist meiner Meinung nach eines der effektivsten Werkzeuge in der Arbeit mit Menschen und ihren Störgefühlen. Nachdem ich mich sehr intensiv mit meiner eigenen Geschichte auseinandergesetzt hatte, war es für mich ganz natürlich, auch andere auf diesem gewinnbringenden Weg zu unterstützen.

Ich fühle mich durch meine Arbeit reich beschenkt. Sie ist abwechslungsreich, weil ein Coaching oder Training nie gleich abläuft. Dadurch ist es auch immer wieder eine Herausforderung und wird niemals langweilig. Ich begegne unzähligen spannenden Menschen, die mich auf tiefen Ebenen berühren. Und durch die ständige Auseinandersetzung mit dem Thema Hochsensibilität arbeite ich auch stets weiter an mir selbst. Ich kann mir keine lohnendere Arbeit vorstellen und auch nicht, dass meine Motivation zu dieser Arbeit jemals versiegt.

Was bedeutet Kreativität für Sie?

Kreativität kann sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten zeigen und ist in der Regel ein sehr wichtiger Schaffensbereich für hochsensible Menschen. Es ist der Bereich, in dem ein echter Ausgleich zur Reizüberflutung eines normalen Arbeitstages stattfinden kann.

Kreativität heißt für mich: den Ideengeber spielen lassen, Dinge tun, die mich auf einer tiefen Ebene erfüllen und die nicht einen bestimmten Sinn ergeben müssen, mich künstlerisch betätigen. Dinge tun, die nicht unbedingt notwendig sind, aber Spaß machen oder einen starken Kontrast zum oft durchstrukturierten Arbeitstag bieten.

Viele Hochsensible brauchen Abwechslung. Und das ist mit ausgelebter Kreativität möglich. Manche schaffen es, diesen Bereich in ihre Arbeit zu integrieren. Andere Hochsensible brauchen dafür separate Aktivitäten in der Freizeit. Dies können Hobbies genau so sein wie das Spielen eines Musikinstrumentes oder ein Spaziergang in der Natur.

Bei mir persönlich ist es der musische und der künstlerische Bereich. Mit vier Jahren fing ich auf eigenen Wunsch an, Blockflöte zu spielen und wurde schnell sehr gut darin. Auch wenn ich das Instrument nicht zum Beruf machte begleitet es mich bis heute. Wenn ich zur Ruhe kommen möchte, nehme ich die Flöte in die Hand, lege eine Konzert-CD ein und spiele dazu. Klassische Musik berührt mich auf einer sehr tiefen Ebene. Einige Jahre lang malte ich viel mit Pastellkreiden. Leider brauche ich zum Malen viel Zeit am Stück, die ich selten habe.

Mein kreativer Ideengeber kommt vor allem während der Nacht und bei ausgedehnten Streifzügen durch die Natur zum Zuge. Um Ideen entwickeln zu können, brauche ich Ruhe für mich allein – ohne die Familie. Diese habe ich nur nachts oder wenn ich alleine draußen unterwegs bin.

Welche Rolle spielt Achtsamkeit in Ihrem Leben?

Ein hochsensibler Mensch, der in sich ruhen möchte, muss sehr achtsam mit sich und anderen sein! In meinem Leben spielt Achtsamkeit eine sehr große Rolle. Sowohl persönlich als auch beruflich. Seit 20 Jahren beschäftige ich mich ganz intensiv mit diesem Thema. Ich lehre Achtsamkeit in verschiedenen Kontexten, nicht nur für hochsensible Menschen. Das hilft mir dabei, selbst auch sehr bewusst durch mein eigenes Leben zu gehen.

Hochsensible Menschen brauchen eine ganz bestimmte Form der Achtsamkeit. Normale Achtsamkeitsübungen, wie sie momentan vielerorts angeboten werden, reichen meist nicht aus. Sie sind ein hervorragender Start, um einen guten und soliden Grundstein zu legen. Aber um wirklich Frieden mit sich selbst zu finden, gehören noch einige weitere Schritte zur erfolgreichen Achtsamkeit für Hochsensible dazu.

Welche Gedanken kommen Ihnen bei den Worten von Rumi? „Da ist ein Morgen in deinem Inneren, der nur darauf wartet, in Licht aufzubrechen.“

Ich denke, dass jeder Mensch nicht nur einen Morgen, sondern ein ganzes Leben tief in sich trägt, das nur darauf wartet, erweckt zu werden. In unserer westlichen Welt gibt es so viele Irrwege, so viele Regeln und Menschen die meinen, die EINE Wahrheit zu kennen, die für alle gilt. Davon lassen sich zahlreiche Menschen von ihrem ganz eigenen, inneren und sehr persönlichen Weg abbringen. Es ist meines Erachtens wirklich ein gesellschaftliches Problem, dass die Individualität so wenig geschätzt und gelebt werden kann.

Letztendlich geht es doch darum zu erkennen, wer oder was tatsächlich die Dinge erfährt, die wir als Wirklichkeit bezeichnen. Dass wir erkennen, dass es etwas gibt, das jenseits von Fürchten und Hoffen besteht und dass der Kern unseres Wesens völlig furchtlos, liebevoll mitfühlend und unzerstörbar ist.

Wofür sind Sie dankbar?

Dass ich mich als Mensch ständig weiterentwickeln darf. Dass es keine EINE Wahrheit gibt, sondern dass jeder Mensch selbst dafür verantwortlich ist, wie er SEINE Welt erfährt. Dass es zu jedem Zeitpunkt unendlich viele Möglichkeiten gibt, wie ich mich entscheiden kann.

Dass es – zumindest im Moment noch – im Westen diese freiheitlichen Werte gibt, die unendlich wertvoll sind.

Dass ich mit Lehren und Lehrern in Kontakt kommen durfte, die mir dabei geholfen haben, mein ureigenes Potenzial zu entfalten. Und dass ich von meinem Mann und meinen Kindern so viel Liebe und Wertschätzung geschenkt bekomme.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Susanne! Wunderbar, dieses Interview in Klarheit und Wahrhaftigkeit – ich finde mich in jeder Zeile wieder und doch auch nicht wirklich, denn ich habe nicht den Personenkreis gefunden, in dem ich mich „getragen und gehalten“ fühlen kann, der mich so sieht, wie ich bin und meine Qualitäten wertschätzt. Gerade zurück aus einer Klinik, bin ich voller Bedauern ob des Konzeptes, das mich nicht sah. Dennoch habe ich dort einen Hochsensiblenkreis zusammengerufen – mit großem Interesse und Dankbarkeit für das Ansprechen der Thematik. Die innere Kraft, von der Sie schreiben, hat mich „überleben“ lassen – jetzt mit dem Wunsch – zu leben.
    Danke, daß Sie sich dem Thema so engagiert zuwenden – eine Begegnung wäre für mich ein großartiges Erlebnis, weil es mehr „bringt“, als nur darüber zu lesen.

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